Juli Zeh: Neujahr

NeujahrES spielt in diesem Buch eine wichtige Rolle, aber ganz anders als in Stephan Kings berühmten Roman. Juli Zeh hatte es geschafft, in nach außen meist völlig harmlosen Situationen eine Spannung aufzubauen, die das ganze Buch hindurch anhält. Wie auch in ihren anderen Büchern urteilt sie nicht, sondern hält Gesellschaft einen Spiegel vor. Das macht sie ziemlich einmalig und darauf beruht wohl auch die Anerkennung, die sie für ihre Werke erhält. Völlig verdientermaßen wie ich finde. Zeh lässt Dinge geschehen, überwiegend Alltägliches aber so detailliert und genau beobachtet, dass man sich schnell in die jeweilige Situation hineinfindet. In diesem Fall ist das ES die tief in uns schlummernde Erinnerung an Vergangenes. Nicht verarbeitet, sondern zugeschüttet bricht ES eines Tages hervor. In Form von Paniken, Angststörungen, seltsamen Verhaltensweisen und Gedanken. Wie wichtig es doch ist Kinder ernst zu nehmen, mit ihnen zu sprechen. Unser Verhalten prägt sie über Jahrzehnte hinweg. Es ist eine enorme Verantwortung. Und auch wir Erwachsene sollten dem Kind in uns mehr Raum geben, nicht einfach „Schwamm drüber“. Wie viele Kindheitserinnerungen sind nicht verarbeitet, nur verdrängt. Diese Auswirkungen hat Juli Zeh dann sehr eindrücklich und ungemein spannend niedergeschrieben.

Juli Zehs Bücher sind Literatur vom Feinsten!

 

ISBN: 978-3-630-87572-9

Verlag: Luchterhand

Mehr Infos zum Buch gibt es auf der Homepage von RANDOMHOUSE.

Inhalt:

Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen – etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.